Können Narzissten empathisch sein?

Alles Gute muß aus einem selbst kommen, sonst bringt man es über einen bloßen Anfall nicht hinaus.

Theodor Fontane

couple_two

Narzissmus und Empathie: Sind Narzissten in der Lage Empathie zu empfinden bzw. empathisch zu reagieren?
Gibt es vielleicht einen Mangel an empathischen Fähigkeiten und wie entsteht dieser? 
Ich habe einen Artikel zu diesem spannenden Thema verfasst:

Wie ich ja schon in meinen Artikeln geschrieben habe, ist das gesamte Feld der Narzissten sehr groß und nicht in "Schwarz und Weiß" zu unterscheiden. Ein gewisses Maß an Narzissmus ist gesund. Aber ab einem Bereich, in dem spezielle Verhaltensweisen eine ausgeprägte Dominanz einnehmen, spricht man von der sog. narzisstischen Persönlichkeitsstörung (mehr zur Abgrenzung in meinem Artikel den Narzissten erkennen). Um eine solche Diagnose zu stellen, bedient man sich unter anderem dem Diagnostischen und Statistischen Manual. Wenn dort erwähnte Bereiche zum größten Teil erfüllt sind, kann es sich - eventuell - um einen Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung handeln.
Einer der dort erwähnten Punkte, also ein mögliches Merkmal bei der narzisstischen Persönlichkeitsstörung ist laut DSM der sog. „Mangel an Empathie“.
Das ist die Ablehnung, Gefühle und Bedürfnisse anderer anzuerkennen und sich mit ihnen zu identifizieren.

Prof. Haller schreibt in seinem Buch Narzissmusfalle (Klick auf Buch), das es beim Narzissmus ein "Zusammenspiel" der vier„E’s“ ist: Egozentrik, Empathiemangel, Empfindlichkeit und Entwertung
die das Störungsbild Narzissmus ergeben. Das heißt im Umkerschluß dann natürlich auch, dass ein ausschließlicher Empathiemangel noch keinen richtigen Narzissten ausmacht. Sondern es sich dann laut Prof. Haller allenfalls um eine schwere Persönlichkeitsstörung handelt. Empathie ist somit ein möglicher "Baustein" bei der narzisstischen Persönlichkeitsstörung.


Aber was heißt das jetzt genau? Was ist überhaupt Empathie?

Empathie die Fähigkeit, die Emotionen eines anderen Menschen zu „lesen“ („Gedankenlesen“) und Mitgefühl für dessen emotionalen Zustand aufzubringen. So definiert es Kernberg in seinem Buch und das finde ich eine ganz greifbare Erklärung.

Praktisch heißt dies, dass ich in der Lage bin, zu spüren, wenn beispielsweise mein Kind traurig von der Schule nach Hause kommt. Das ich auf das Kind eingehen kann und sein Empfinden "nachfühle". Für die Empathie selbst sind unterschiedliche Hirnareale des Menschen zuständig. 

Aber gibt es einen Zusammenhang zwischen Narzissmus, Empathie und dem menschlichen Gehirn?

Mit dem Thema haben sich Forscher der Charité auseinandergesetzt  (> weiter zum Bericht über die Studie der Charité)Die These der Wissenschaftler der Charité: Narzissmus kann sich in Regionen widerspiegeln, die Empathie steuern. Die Forscher haben dabei - besonders im Hinblick auf Narzissmus und Empathie - im Gehirn etwas Spannendes entdeckt: Einige ganz spezielle Hirnstrukturen sehen bei Narzissten messbar anders aus – und viele davon haben mit der Steuerung von Empathie zu tun. Allerdings waren in die Untersuchung, wie ich finde „nur“ 34 Probanden eingebunden. Davon 50% mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung (nach US-Definition), die andere Hälfte bildete eine gleichaltrige Kontrollgruppe. 

Betrachtet auch diese Erkenntnis, so bleibt aber laut dem Arzt und Psychotherapeuten Prof. Haller eine Frage: Werden Narzissten mit der Störung geboren, oder verkümmern diese Hirnareale durch selbstbezogenes Verhalten von Kindesbeinen an. Also werden im zweiten Fall dann ja durch das Verhalten der Eltern quasi durch Erziehung und Verhalten den Kindern gegenüber „weitergegeben“?

Geht man davon aus, dass die Entstehung von Narzissmus nicht biologisch vererbt, sondern im Rahmen dieser „Erziehung“ entsteht. Wie kommt es dann zur Entstehung von Narzissmus?
In diesem Fall spielt die Empathie bereits bei der Entstehung von Narzissmus eine entscheidende Rolle. Kernberg schreibt, dass narzisstische Individuen als Kinder traumatisiert worden sind. Genau in dem Moment, als sich ihr Selbstwert entwickelt hat. Ursache ist eine defizitäre mütterliche Empathie. Diese macht die Entwicklung eines vorzeitigen und sehr verletzten Autonomiegefühls notwendig, welches durch „Omnipotenzphantasien“ gestützt wird. Daraus entwickelt sich dann das grandiose Selbst (Kernberg, S. 242).

Gleiches beschreibt Dr. Judy Rosenberg ebenfalls in ihren Videos und Büchern und beruft sich hier auch auf die derzeitige Hirnforschung (Klick auf Buch). Sie schreibt, dass durch das Verhalten der Mutter biochemische und physikalische Prozesse in Gang gesetzt werden, welche zu Veränderungen im sich entwickelnden Kinderhirn führt. Dies kann eine nachhaltige emotionale und kognitive Schädigung des Kindes mit sich ziehen (S. 64).

 

Also ein Teufelskreis, wenn man es sich genau anschaut...

Denn so entwickelt sich aus der nicht empathiefähigen Mutter ein Kind, das dann ja ebenfalls schwere Traumfolgen erleiden kann. Von diesem Phänomen spricht Dr. Judy Rosenberg oft. Sie bezeichnet es auch in ihrem Buch als „psycho-viruses“, das sich in die Generationen weiterträgt, wird dieses nicht gestoppt. Ein Virus, das sich dann in Ausbreitung von Depression, Angst, Verzweiflung und häufig in der vermeidbaren anorganischen Psychopathologie menschlicher Erkrankungen zeigt (BE THE CAUSE, S.50).

Narzissmus und Empathie: Sind Narzissten überhaupt zur Empathie fähig?

Man kann sich bei Narzissten phasenweise nicht vorstellen, dass sie zu Empathie überhaupt fähig sind. Gerade dann, wenn sie ihr Umfeld wieder einmal verletzt haben und eine ihrer „Attacken“ ausgeführt haben. In den Momenten, in denen sie maßlos verletzen, eiskalt reagieren und man keinen Funken menschliche Wärme mehr spüren kann. 

Da kommt man fast zu der Erkenntnis: Nein, Narzissmus und Empathie, das passt auf keinen Fall zusammen. Sie sind zu keinerlei Empfinden und Mitgefühl fähig.
Das stimmt so aber nicht, auch wenn es sich anders anfühlt.
Hier möchte ich zunächst kurz auf HG Tudor kommen. HG Tudor, ist ein Autor und Blogger, der von sich selbst sagt, dass er ein Narzisst ist. Tudor kommt aus England und ist dort und auch international sehr bekannt.
Er spricht in einem Artikel vom sog. „Fuel“  Link zur Page von HG Tudor.
Tudor behauptet, dass die Narzissten ihr Fuel zum einen aus der Verletztheit und Enttäuschung des Gegenübers ziehen, dass sie ihm zufügen. Alternativ, als zweiten Weg auch über das Lob, dass sie von ihrem Gegenüber bekommen.

Tudor schreibt auch, dass das Fuel aus Verletztheit und Enttäuschung des Gegenübers fast noch einen höheren Wert hat, als das des Lobs.
Wichtig ist mir hier aber zu erwähnen, dass es sich bei der Aussage von HG Tudor nicht um wissenschaftliche Erhebungen handelt. Sicherlich muss man hier auch die kritische Brille aufsetzen. Zudem fehlt bei dieser Betrachtung auch die Ursache für sein oder ihr narzisstisches Handeln. Diesen Aspekt beleuchte ich in einem anderen Artikel einmal näher. 

Trotzdem finde ich es, wenn man mit Narzissten zu tun hatte, eine durchaus logischen Erklärung, wenn man sich ihr Handeln mitunter anschaut...

...Denke ich beim Thema Narzissmus und Empathie und Tudors Thesen an die narzisstische Mutter, die sich insgeheim freut, wenn das Kind weint. Da sie eine den Rückschlag eines Kindes  mit den Worten kommentiert „lieber Arm dran, als Arm ab“. Oder der Partner, der die Partnerin enttäuscht, weil er einen geplanten Urlaub, auf den sie sich sehr gefreut hat, doch nicht nehmen kann. Der gleichzeitig aber auch nichts unternimmt, um eine Alternative zu finden oder sie zu trösten.

Es ist durchaus denkbar, dass von diesen Situationen schon eine besondere Energie für den Narzissten ausgeht. Die natürlich fatale negative Folgen für den Gegenüber haben können. Gleichzeitig auch an jeden Glauben an die Empathiefähigkeit des Narzissten zweifeln lassen. Aber wie gesagt, das sind keine wissenschaftlich gesicherten Aussagen (zudem ist die Ursache es Handels nicht mit beleuchtet)!


Aber zurück zur Empathiefähigkeit, wie sind Narzissten fähig Empathie zu empfinden?

Wie ich bereits erwähnt habe, lassen sich nicht alle Narzissten pauschal in starre Kategorien einteilen. Ich kann nicht oft genug schreiben: Narzissmus ist niemals in Schwarz und Weiß zu unterteilen. So natürlich auch nicht bei der Empathie.

Im Bezug auf Narzissmus und Empathie heißt es im DSM ja auch „Mangel an Empathie“. Die Ablehnung Gefühle und Bedürfnisse anderer anzuerkennen und sich mit ihren zu identifizieren. 

Wie äußert sich dieser Mangel in seinen unterschiedlichen Facetten?

Ich habe das aus der Literatur mal ein paar Beispiele zusammengestellt und diese mit praktischen Beispielen ergänzt:

Empathie & Sex: Ganz spannend fand ich da eine Aussage von Waelder im Bereich Sexualität. So ist laut ihm sexueller Verkehr für Narzissten ausschließlich körperlicher Genuss, der Partner werde viel weniger als Individuum als Mittel zum Zweck betrachtet (vgl. Kernberg S. 233).

Empathie & Ausbeutung: Der Mangel an Empathie kann zu einer mehr oder weniger bewussten Ausbeutung ihrer Mitmenschen reichen. Feindschaft und oder auch Liebesbeziehung gehen sie häufig nur dann ein, wenn sie sich daraus einen Vorteil erhoffen (vgl. Kernberg S. 657).
Klar, wenn man eine wirklich tiefe Liebesbeziehung eingeht, dann ist ein Verständnis für den Partner unabdingbar. Es sein denn, man möchte nur am obersten Rand der Emotionalität leben. Narzissten haben die Tendenz, dann wenn die Gefahr der Nähe droht extrem zu reagieren. Denn dann besteht ja die Gefahr, dass sie „die Fehler des Partners" erkennen oder - und das ist ja das wirklich schlimme. Alleine die Tatsache aus seiner Sicht, dass „eigene Fehler“ erkannt werden können ist nicht erträglich.
Aber wer ist schon perfekt? Und sind es nicht erst die Fehler oder Eigenheiten, so  möchte ich sie lieber nennen, die einen Menschen doch ausmachen? Leider sind an diesem Punkt oftmals die Grenzen des emotional erträglichen für den Narzissten erreicht.

Empathie & Bedürfnisse anderer Menschen: Ihr Ausdruck ist laut Kernberg auch der Ausdruck für ihre Unfähigkeit, die Bedürfnisse, subjektiven Erfahrungen und Gefühle von anderen wahrzunehmen. Sie bemerken auch häufig nicht das Interesse, das andere an ihnen entwickeln (vgl. Kernberg S. 657). 

Ich finde, das merkt man bei der Kommunikation mit einem Narzissten immer relativ schnell. Er erzählt immer unglaublich viel von sich, aber auch nach einer längeren Zeit bleiben tiefe Fragen oder Nachfragen einfach aus. Man selbst entwickelt natürlich Interesse, fragt deshalb viel, merkt sich einiges. So aber häufig nicht der Narzisst. Ich finde, es wirkt manchmal so - davon redet auch mein Lieblings-YouTuber sehr häufig - als wenn er sich einzelne Aspekte speichert. Aber dies nur ganz selektiv, aber nicht aus wirklichem Interesse an der Person oder am Thema. Er speichert sie eher, um Interesse „zu imitieren“. Mir persönlich ist das Phänomen auch schon begegnet, aber dafür habe ich aktuell keine wissenschaftlichen Belege.

Dieser „Mangel an Einfühlungsvermögen“ kann laut Kernberg an die ständige Beschäftigung mit sich selbst zurückgeführt werden und/oder einer Geringschätzung ihrer Umwelt. 

Empathie & zwischenmenschlicher Kontakt: Im zwischenmenschlichen Kontakt verhalten sie sich oft angeberisch, anmaßend, wenig einfühlsam und auch ausbeuterisch, wenn eigene Interessen betroffen sind (vgl. Kernberg S. 657). Es ist meiner Meinung nach immer sehr interessant zu sehen, dass Narzissten in der Lage sind, sich indirekt genau die passenden Personen zu suchen, die ihnen das Geben können was sie suchen. Vor allem, um die eigene Person aufzuwerten.
So sind es zum Beispiel Narzissten, die kaum ihren Ort verlassen, die sich Menschen suchen, die ihnen die Welt zeigen. Sich im Gegenzug dann aber beschweren, wenn die Person mit denen sie reisen auch eigene Wünsche hat und diese äußert. Gleichzeitig aber während bspw. einer Reise erwarten, dass die andere Person sich permanent in sie hineinversetzt, alle Wünsche erahnt, während sie sich permanent nur um sich selbst drehen.
Oder Narzissten, die sich eine beruflich erfolgreiche/n Partner/in zu suchen, damit diese sie coachen, um eigene beruflichen Ziele zu erreichen. Diese dann aber nach dem Erreichen des Ziels scheinbar eiskalt verlassen.

Narzissmus und Empathie

Trotz vieler Anzeichen ist es schwer auch an dem Punkt „Empathiemangel“ einen Narzissten direkt zu erkennen, bzw. den Mangel zu entlarven. Gerade die verdeckten Narzissten sind hier erneut zu erwähnen. Sie machen es einem schwer, ihnen auf die Schliche zu kommen. Schwer ist es eben auch, dass es sich ja nicht um einen kompletten Empathieverlust handelt. Sondern es handelt sich „nur“ um einen Mangel. Ein Mangel, der eben stärker und schwächer ausgeprägt sein kann. Ein Mangel, der sich in unterschiedlichen Facetten zeigen kann. 

Ich habe mir dann überlegt, ob es  zusammenfassende "Anzeichen, im Hinblick auf die Empathie" gibt, dass es sich möglicherweise um einen Narzissten handelt.
Hier also sind meine zusammenfassenden Ideen, also keine vollständige Liste, sondern einige Ideen:

  • Nicht der kaum auf die Bedürfnisse des Anderen eingehen.
  • Tendenz zur Ausbeutung anderer Menschen.
  • Tendenz Beziehung nur zum eigenen Vorteil einzugehen.
  • Unfähigkeit, die Bedürfnisse, subjektiven Erfahrungen und Gefühle von anderen Wahrzunehmen.
  • Beschäftigung mit sich selbst: Ein Kreisen der Gespräche um den Narzissten. 
  • Sexualität: Mehr ein Programm mit einem Körper als ein Einfühlen in sein Gegenüber. 

Aber selbst wenn viele dieser Punkte zu Narzissmus & Empathie bei einer Person zutreffen, muss es sich nicht zwangsweise um einen pathologischen Narzissten handeln.
Dass die Range des Narzissmus und der Übergang von „normal“ zu „pathologisch“ fließend ist, habe ich ja schon mehrfach geschrieben. Trotzdem geben diese Punkte und auch die Erläuterungen zum Entstehen vielleicht eine Idee, wie Empathie und Narzissmus zusammenhängen. 

Ich denke, dass erst mit Empathie eine tiefe Beziehung - welcher Art auch immer - möglich sein kann. Ich vertrete auch die Ansicht, dass erst tiefere Beziehungen auch ein glückliches Leben ermöglichen. Ob in der Partnerschaft, der Familie oder im Freundeskreis. In wieweit das Gegenüber hierfür die notwendige Empathiefähigkeit besitzt - und dies für einen selbst als Ausreichend bewertet wird - ist eine individuelle Entscheidung.

 

...wer schreibt hier?
Mein Name ist Marie und beschäftige mich seit vielen Jahren mit dem Thema Narzissmus (seriöse Infos).
Wenn Ihr mehr über mich erfahren wollt > geht es hier weiter

 

 

YOUTUBE
YOUTUBE
Facebook
Facebook
Follow by Email
RSS
INSTAGRAM
Google+
Google+
http://www.narzissmus-info.com/2016/11/28/narzissmus-empathie-koennen-narzissten-empathisch-sein/
Können Narzissten empathisch sein?
Markiert in:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.